Impulsvortrag von Karin Meiner, Bildende Künstlerin,
Künstlerische Leitung des Kunstpavillons Burgbrohl,
Mentorin des Kunst-Mentoring
Netzwerktreffen und Fachforum am 25.08.2026 im Kunstpavillon Burgbrohl in Kooperation mit dem Kunst-Mentoring und dem Landesverband Soziokultur und kulturelle Bildung RLP e. V.
Wir sind heute zusammengekommen, um über partizipativ angelegte Kunst- und Kulturprojekte zu sprechen. Und dafür ist der Kunstpavillon hier in Rheinland-Pfalz, der Ort, der beispielhaft seit zehn Jahren partizipativ angelegte Kunstprojekte im ländlichen Raum realisiert.
Das Ganze hat natürlich eine Entstehungsgeschichte, und die möchte ich erst einmal von vorne aufzeigen, damit das Ganze im Kontext gesehen werden kann. Es hat mit meiner Person zu tun – als Motor, als Gründerin und künstlerische Leiterin im Kunstpavillon – und damit, dass ich selber als Künstlerin 35 Jahre freiberuflich gearbeitet habe.

Von 1991 bis 2008 habe ich zusammen mit Manfred Hammes die interaktive Polaroid-Aktion „Kunst ist … oder Art is …“ weltweit durchgeführt. Wir haben Leute befragt, was für sie Kunst ist. Ein Blatt Papier war vorbereitet, auf dem in großen Lettern stand „Kunst ist …“ Die Zuschauer*innen, die Passant*innen und die Anwesenden wurden aufgefordert, diesen Satz zu vollenden. Das haben wir dann mit Polaroid, mit der Sofortbildkamera, abgelichtet und an einer Wand gezeigt. Es kamen insgesamt mehr als 1.500 Polaroids zusammen, die wir im Kontext von Ausstellungseröffnungen, Museums-und Kulturnächten, im öffentlichen Raum, in Kunsträumen und an Universitäten gesammelt haben. Es entstand eine außerordentliche Vielfalt an Kurzstatements. Darüber zu berichten, wäre ein eigenes Kapitel…. Wir haben als Paar weitere interaktive Kunstprojektedurchgeführt und die Betonung liegt auf interaktiv.

Eine weitere wesentliche Erfahrung war die rheinland-pfälzische Tischtransaktion, die zwischen 2012 und 2014 durchgeführt wurde. Sie entstand nach einer Idee von Boris Nieslony und Die Fabrikanten. Hier in Rheinland-Pfalz entwickelte sich die Idee durch die Teilnehmenden mit einer ganz eigenen Dynamik. Der Aufruf hieß:
Tische tauschen, um die Kultur der Gastfreundschaft zu pflegen.
D.h. konkret, dass Menschen aufgefordert wurden, ihren privaten Tisch in ihrem Haushalt gegen einen anderen Tisch zu tauschen, der dann sechs Wochen lang im eigenen Wohnraum stand. Dazu kam der Anspruch, Gäste einzuladen, um die Kultur der Gastfreundschaft zu pflegen. Zunächst besuchten sich die Tischtauscher untereinander. Und damit auch fremde Menschen mitmachen und zu Besuch kommen konnten, entwickelten die Tischtauscher*innen viele originelle Ideen, um Menschen in ihre privaten Räume an den fremden Gasttisch zu locken. Es gab eine Tisch-Rikscha, Tische auf Booten, Tisch-Rennen, Märchen-Tische, Wander-Tische und vieles mehr …

Dieses komplexe Kulturprojekt gehört für mich sowohl in die Kategorie Partizipation, aber vor allem in die Kategorie Empowerment: also Menschen dazu zu bringen, aus ihrer Privatheit in die Öffentlichkeit heraustreten, etwas Kreatives zu erfinden und andere Menschen zu mobilisieren und mitreißen. Zur Tischtransaktion wurde der Verein AIM Kulturprojekte im ländlichen Raum gegründet, der nun Träger der verschiedenen Formate im Kunstpavillon ist.
Eine andere wichtige Erfahrung war die Zusammenarbeit mit dem Performancekunst-Netzwerk PAErsche mit Epizentrum in Köln. Hier im ländlichen Raum organisierte ich „explorativ“, ein Format, bei dem Performancekünstlerinnen auf Marktplätzen von Kleinstädten in der Region zusammenkommen und performativ Bilder und Handlungen entwickeln und zeigen. Meine prägende Erfahrung dabei war der offene Austausch: bereit zu sein, in jedem Moment in einen neuen Prozess einzutreten, Änderungen und Widerstände zuzulassen oder sogar willkommen zu heißen, um Neues zu generieren und konventionelle Haltungen und Erwartungen zu transformieren.
Dann komme ich zum Kunstpavillon. Der wurde 2015 eröffnet. Im Herbst gab es die „Kunst der Begegnung“ mit chinesischen Künstler*innen in Zusammenarbeit mit Boris Nieslony, der sein internationales Netzwerk einbrachte. Dabei begegnete ich Yingmei Duan, und sie fragte mich, ob sie im nächsten Jahr als Residenzkünstlerin in den Kunstpavillon kommen könnte. Und ich sagte ja.
Yingmei Duan kam 2016 und blieb sieben Wochen. Und da habe ich erfahren, was ein partizipativ angelegtes Kunstprojekt tatsächlich auslösen kann. Sie ging spontan auf Menschen zu, klingelte an Haustüren, traf Menschen beim Spazierengehen und beim Einkaufen. Sie ist so frei, Menschen anzusprechen und zu fragen, ob sie Lust haben, sie kennenzulernen, ob sie sie besuchen darf. Auf diese Art lernte sie 20 Menschen zwischen acht und 90 Jahren kennen – aus unterschiedlichen sozialen Schichten und Kulturen. Sie erklärte ihnen, dass sie gerne eine Ausstellung mit ihnen machen möchte, in der sie Dinge aus ihrem jeweiligen Lebensbereich einbringen können. Ein Bäcker im Ruhestand zeigte Spekulatiusbretter mit Spekulatiusplätzchen, ein Apfelbauer seine Äpfel, ein Postbote seine Sammlung von Strohblumen, eine Journalistin ihre Patchworkarbeiten, dazu gab es Fotoarbeiten, Soundinstallationen, Malereien und eine Modelleisenbahn. Es kamen ganz unterschiedliche Dinge und Ausdrucksformen zusammen und Yingmei gab diesen Menschen ein Forum, eine Bühne. Mich beeindruckte, wie Yingmei mit den Menschen umging und das Ganze managte. Sie sagte immer wieder: Das sind die Menschen, die diese Ideen haben, wunderbar.

Und ich muss sagen: Auch die Ausstellung selbst hat mich sehr überzeugt. Sie hätte in jedem zeitgenössischen Kunstvereinskontext genauso ausgestellt werden können. Sie hatte einen künstlerischen Anspruch und erreichte gleichzeitig viele Menschen, die begeistert waren mitzumachen, also teilzunehmen. Und da dachte ich: Wow, das kommt gut an. Hier kommen die verschiedensten Menschen aus unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen zusammen. Das möchte ich so weitermachen.
Die nächsten Jahre galt mein Bestreben, neben der Jugendkunstschule und dem ArtLab ein Residenzprogramm aufzubauen, zu dem Künstler*innen eingeladen werden oder sich bewerben können, die mit den Menschen in der Region zusammen arbeiten möchten.
Hier möchte ich einige Beispiele der letzten zehn Jahre zeigen:

Zum Beispiel hat das Künstlerinnenduo katze & krieg die „Welterklärung von Burgbrohl“ erarbeitet. Sie haben an Haustüren geklingelt, sind in Supermärkte & Cafés gegangen und haben Menschen gefragt: Warum hast du einen Gartenzaun, warum hast du Gardinen an Fenstern? Warum trägst Du Lippenstift auf? Wenn jemand sagte: “Ich habe Gardinen, weil ich nicht will, dass jeder bei mir reinguckt“, wurde weitergefragt: „Warum willst du nicht, dass jeder bei dir reinguckt?“ usw. … Mit dieser Methode tasteten die beiden Künstlerinnen die gesamte Ortschaft ab und erzeugten daraus gemeinsam mit den Befragten „ein auditives Bild“.
Delphine Richier stellte sich auf einem Marktplatz in Bad Neuenahr täglich als „Alibi“ zur Verfügung. Die Menschen konnten sie als Alibi nehmen, um etwas ganz nicht-Alltägliches zu tun.
Oder das Institut für Intersinnforschung: sie fragten Menschen nach aufgegebenen Orten, z.B. dem ehemaligen Dorfkino oder der Dorfkneipe. Die Menschen beschrieben die Räume aus ihrer Erinnerung so genau wie möglich. Daraus wurde ein Modell im Maßstab 1:50 gebaut und fotografiert. Die Fotos wurden groß in den Ausstellungsraum projiziert. Die Besucher*innen fragten verwundert, wo diese Fotos aus den 1960er Jahren aufgetrieben worden seien. Es gab aber gar keine Originalfotos. Es war eine wunderbare Art, Erinnerungskultur entstehen zu lassen.

Und Matthias Schamp mit seinem „Mythosgrill goes Wunderkammer“ fand begeisterte Teilnehmende in einer Dorfkneipe im Nachbarort. Über jedes dieser Projekte ließe sich unendlich viel mehr berichten. Aber ich muss hier heute 15 Minuten Redezeit einhalten …
Durch eine Förderung des Bundesprogramms Landkultur konnte dieses Artist-in-Residence-Programm ausgebaut werden. Dabei wird ausdrücklich gefordert, dass die meistens urban geprägten Künstler*innen sich mit ihrem Blick von außen aktiv in unserer ländlichen Region einbringen.
Als Best Practice hat sich gezeigt, dass die Künstler*innen eine Zeit lang in die Region kommen, hier vor Ort recherchieren und Feldforschung betreiben. Bei vielen beginnt es mit einer Grundidee. Dann lernen sie Menschen kennen, besuchen sie, und von dort werden sie zu weiteren Menschen verwiesen. So entsteht eine temporäre kreative Interessengemeinschaft. Gemeinsam mit den Beteiligten wird nach Möglichkeiten zu einem Perspektivwechsel gesucht. Und genau darin liegt für mich eine große Qualität dieser Projekte: Es kann eine neue Sicht auf das Dorf entstehen – oder auf die eigene Geschichte, auf den eigenen Alltag und auf das Zusammenleben.
Wenn ich heute auf diese zehn Jahre zurückblicke, sehe ich viele einzelne Kunstprojekte und einen Prozess, der sich immer wieder aus
* Interaktion
* Partizipation
* Empowerment und
* offenem Austausch entwickelt hat.
Und genau das ist der entscheidende Punkt: Die Künstler*innen bringen nicht einfach ein fertiges Kunstprojekt in den ländlichen Raum. Sie kommen mit einer Idee, aber sie lassen sich auf das ein, was ihnen vor Ort begegnet. Und daraus kann etwas entstehen, das vorher niemand genau planen konnte.
So schließt sich für mich der Kreis.
Von der interaktiven Kunst über die Tischtransaktion und die Performance bis hin zu den partizipativen Residenzprojekten geht es immer wieder um die Frage: Was kann entstehen, wenn Menschen nicht nur Zuschauer*innen von Kunst sind, sondern selbst Teil des künstlerischen Prozesses werden?
Und genau da möchte ich weitermachen.
Danke fürs Zuhören!